Bei der Instagram-Challange #EinSatzEineWoche habe ich angefangen einen Kurzgeschichte zu verfassen. Da der Wunsch nach einer Weiterführung der Geschichte aufkam, habe ich mich entschlossen, diesem Wunsch zu entsprechen. Um Allen die Möglichkeit zu geben, die Geschichte einmal in Gänze zu lesen, ohne sich durch meinen gesamten Feed scrollen zu müssen, gibt es die Geschichte hier komplett und wird wöchentliche erweitert.

„Ein Sturm zieht auf“, sagte ich, als ich aus dem Fenster sah. Die Wolken waren beinahe schwarz und jagten sich gegenseitig durch den Himmel, während hier unten die Blätter durch die Luft wirbelten und die Bäume sich in alle Richtungen bogen.
Die Härchen an meinem Nacken stellten sich auf und plötzlich spürte ich seinen Atem auf meiner Haut. Seine Hand legte sich auf meine Schulter und die Wärme brannte sich regelrecht durch meine Haut. Ich fühlte, wie sich sein Körper an meinen Rücken schmiegte. Doch lieber wäre mir, wenn er gehen würde. Hinaus in dieses Unwetter. Auf das er mit all meinen anderen Sorgen davon flöge.

Mein Leben war nicht mehr das, was es früher war.
Unsere Zeit war abgelaufen.
Schon vor Jahren hattten wir uns voneinander entfernt.
Nichts gab es mehr, das uns verband.

Der Schmerz von damals brannte sich auch heute noch unaufhaltsam durch mein Herz.
Keinen Tag konnte ich vergessen, wie sein Geheimnis uns zerstört hatte. Mich zerstört hatte.
„Lass uns morgen ans Meer fahren und ein paar Tage entspannen“, hauchte Roy mir ins Ohr. So nah, dass ich seine Lippen auf meiner Haut fühlte.
Schaudernd drehte ich mich zu ihm und sah gerade noch sein selbstgefälliges Grinsen, bevor er seine Lippen auf meine legte.

~~~

Ein Quietschen holt mich langsam aus meinem Schlaf, doch ich habe Mühe meine Augen zu öffnen.
Also lasse ich sie geschlossen und bewege nur immer wieder vorsichtig meine Finger über die Lider, reibe den Schlafsand behutsam heraus.
Endlich schaffe ich es, sie zu öffnen, doch statt der strahlenden Sonne, die mich in meinem Schlafzimmer erwarten müsste, umfängt mich warme Dunkelheit.
Ich höre ein Schnauben direkt neben meinem Ohr und fühle den warmen Atem direkt auf meiner empfindlichen Haut.
Verdammt, warum kann ich bei diesem Kerl nicht einmal nein sagen?

Ich schließe die Augen wieder und fühle diese warme Umarmung aus Roys Körper und der Bettdecke.
Überlege, was mir damals so gut an ihm gefallen hat, als ich mich in ihn verliebte – vor gefühlten Jahrhunderten. Ich sehe unsere erste Begegnung wieder vor meinem inneren Auge, wie er selbstsicher an der Bar stand und sich mit seinem Bruder unterhielt. Die Hände lässig in den Taschen seiner Anzughose vergraben, mit einem Lächeln, das in meinem Magen ein angenehmes Kribbeln verursachte. Und als er das erste mal in meine Richtung sah, unsere Blicke aneinander hafteten über die laute Musik und die Gespräche der anderen Gäste hinweg wurde es in meinem Kopf ganz still und ich fühlte mich magisch zu ihm hingezogen.

Ich schüttele den Kopf. Nein, ich kann jetzt nicht daran denken. Will mich nicht mehr in dieser Erinnerung verlieren.
An meinem Rücken kommt nun Leben in Roy und sein Arm, der eben noch lose um mich geschlungen war, zieht mich an sich heran.
Für einen kurzen Moment genieße ich diese Umarmung, doch dann atme ich tief ein, zähle bis fünf und lasse die Luft langsam aus mir herausfließen.
Dann nehme ich seine Hand und hebe sie an, so dass ich genügend Platz habe, aus dem Bett zu schlüpfen.
„Hey,“ flüstert Roy hinter mir. „Wo willst Du hin? Ich will noch ein bisschen kuscheln.“
Auf der Bettkannte sitzend schließe ich noch einmal die Augen, bevor ich ihm antworte: „Aber ich nicht, Roy. Ich brauche eine Pause.“

„Was soll das denn heißen, Betty?“
Ein grimmiges Brummen entsteht in meiner Kehle und abrupt stehe ich auf. Drehe mich zu dem Mann, in den ich einst glaubte, verliebt zu sein.
„Nenn‘ mich nicht so! Du weißt genau, dass ich Bettina heiße.“
Roy runzelt die Stirn, bevor er antwortet: „Das hat dich bisher auch nicht gestört.“ Dann fügt er mit einem süffisanten Lächeln hinzu: „Besonders nicht letzte Nacht.“
Ich merke, wie sich meine Augen fast von selbst zu engen Schlitzen verziehen. Doch bevor ich etwas erwidern kann, klopft es an der Tür.
„Daddy, kommst Du essen?“ Die piepsige Stimme von Roys Tochter lässt das Blut durch mich hindurch rauschen und ich sehe wütend den Mann an, mit dem ich die letzte Nacht verbracht habe.
Bin fassungslos, dass er seine Tochter – und mit ihr wohl auch seine Frau – in diese Einöde gebracht hat. Ohne auch nur ein Wort zu erwähnen. Ohne mir die Chance zu geben, meinen Fehler von damals nicht zu wiederholen. Kopfschüttelnd sehe ich Roy an, der wie ein selbstgefälliger Pascha auf dem Bett liegt.
„Ist nicht dein Ernst?“

~~~

Mit schnellen Schritten gehe ich durch die Stadt. Vorbei an Geschäften, und Auslagen, die mich an jedem anderen Tag in ihren Bann gezogen hätten. Doch heute nicht. Heute ist in meinem Bauch eine Wut, die mich immer weiter weg treibt. Weg von Roy und seinen Lügen. Den missbilligenden Blicken seiner Frau. Meiner eigenen Kritik.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass hier und da Äste auf der Gehwegen und Straßen liegen. Der Sturm, der über diese Stadt hinweggefegt ist, hat seine Spuren hinterlassen. Der Sturm in meinem Herzen tobt noch immer ohne sich zu beruhigen.

Weiter, immer weiter gehe ich. Will nur noch weg von diesem Ort, der mir nichts als Kummer bringt. Mein sorgsam gekittetes Herz erneut zerreißt.
Vorsichtig ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Der Bildschirm ist mit einem Daumenabdruck entsperrt und ich tippe eine Suchanfrage in den Browser. Konzentriere mich immer abwechselnd auf den kleinen Bildschirm und den Weg, der vor mir liegt. Lasse mich von dem Gerät in meiner Hand leiten. Biege nach rechts in eine Seitenstraße ein und gehe weiter. Immer weiter.
Wie lange genau ich hier herum irre, weiß ich gar nicht. Doch endlich taucht vor mir das Gebäude auf, dass ich gesucht habe. Der Bahnhof. Ein dreistöckiges rot-oranges Backsteingebäude, gesäumt von großen Linden, die auf der linken Seite in einen kleinen Park übergehen.
Doch ich steuere direkt auf den Eingang zu. Will nur noch fort. Will nur noch nach Hause.

~~~

Der Zug ist vollgestopft. Reisende in ihren Businessanzügen sitzen mit dem Laptop auf dem Schoß oder dem Handy vor der Nase da, geschäftig tippend und den Blick auf den Bildschirm fixiert.
Familien mit ihren Kindern machen ordentlich Krach. Eine Mutter verdreht die Augen, als ihr Mann neben ihr den kleinen Jungen zurecht weist, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist.
Dahinter sitzt ein älteres Paar, das sich einfach nur liebevoll anlächelt. Entweder sind die beiden gerade in ihrer eigenen Welt oder so schwerhörig, dass sie von dem ganzen Gezeter und Geweine um sie herum nichts mitbekommen. Die Glücklichen.
Auch in den beiden nächsten Waggons sieht es nicht anders aus. Fast alle Plätze sind besetzt und die wenigen freien Sitze sind entweder mit Taschen vollgestellt oder neben Familien, deren Kinder mir gerade zu laut sind.
Im letzten Waggon finde ich zwei freie Plätze und schiebe mich durch ans Fenster. Lehne mich zurück und starre auf die Landschaft, die an mir vorbei zieht.

Bald sehe ich sie nicht mehr – die Wiesen und Felder, Wälder und Städte. Nehme die Geräusche um mich herum kaum noch wahr. Denke an all die Tage, die ich mit ihm vergeudete habe. Die Zeit, die er mir mit seinen Lügen gestohlen hat.
Erinnere mich an all die Male, an denen er mir versichterte, dass es zwischen ihm und seiner Frau vorbei wäre. Und dann kam der Tag, an dem Roy mir beichtete, dass sie schwanger war.
Als wäre es gestern erst gewesen, fühle ich den Schmerz in meiner Brust. Es zerreisst mein Herz und vor mir verschwimmt die gesamte Welt.
Warum nur weine ich schon wieder? Es ist doch schon vier Jahre her und ich bin doch über den Kerl hinweg.
Die Bäche, die über meine Wangen fließen sagen mir etwas anderes. Ich bin keineswegs über ihn hinweg. Werde ich das jemals sein?

~~~

Ich öffne meine Augen und sehe nach unten. Ein rotbrauner Fluß bahnt sich seinen Weg durch das düstere Tal unter mir. Rechts und links davon kann ich vereinzelte Hütten erkenn, Boote und Netze, die zum Trocknen an Land sind.
Der Wind zersaust mir die Haare und zerrt an meiner Kleidung. Meine Augen schnellen nach vorne. Doch vor mir ist nur eine endlos wirkende Leere. Hektisch drehe ich meinen Kopf erst nach links, dann nach rechts, versuche hinter mich zu schauen und nach oben zu blicken.
Doch wo ich auch hinsehe, ich sehe nichts. Und so starre ich wieder nach unten auf den Fluß. Auf die dicht bewachsene Uferregion, die jeztt dort auftaucht.
Wie von einer Leine gezogen bewegt sich mein Körper immer höher und der Fluß unter mir wird immer kleiner. Bis er nur noch ein hauchdünner Strich ist, den ich vom Rest der kargen Landschaft kaum unterscheiden kann.
Plötzlich höre ich ein Klicken. Das Gefühl nach hinten gezogen zu werden verschwindet und stattdessen beginne ich langsam nach unten zu sinken. Schneller, immer schneller stürze ich dem Boden entgegen, bewege meine Arme in der Hoffnung etwas zu fassen zu bekommen.
Immer schneller falle ich zu Boden. Mein Schreien kann ich über dem Rauschen des Windes kaum noch hören. Schneller, immer schneller rast der Fluß auf mich zu.

„Hey, ist mit Ihnen alles in Ordnung?“ Ich drehe den Kopf zur Seite und muss mehrmals blinzeln. Im Gang steht ein älterer Mann, der mich mit gerunzelter Stirn ansieht. Ich bin nicht sicher, ob das Sorge in seinem Gesicht ist oder ob er mich für geisteskrank hält. Ich schlucke und kann nur Nicken. Der Albtraum ist vorbei.

~~~

Zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten. Was für eine grauenvolle Bahnfahrt. Mit meiner kleinen Handtasche über der Schulter warte ich in der Menge endlich aus dem Waggon zu kommen. So voll kam es mir in hier hinten gar nicht vor. Doch was weiß ich schon, wie viele Menschen noch unterwegs eingestiegen sind.
Als ich aussteige und mich durch die wartenden Menschen schlängele, stelle ich wieder einmal fest, wie trostlos der Bahnhof wirkt.
Die wunderschönen Backsteingebäude, gesäumt von trostlosen Neubauten mit verrußtem, dreckigem Putz. Furchtbar hässliche Graffitis an den Wänden und die allgegenwärtigen Reklametafeln.
Die grauen Fliesen an den Wänden der Treppenaufgänge spiegeln meine Stimmung wieder. Alles in mir ist grau, seit ich heute morgen aufgewacht bin. Roy an meinem Rücken spürte. Und einen winzig, klitzekleinen Moment lang vergaß, durch welche Hölle er mich schon geschickt hat.
Bis er mich in wenigen Augenblicken durch genau die gleiche Hölle wieder schickte. Oder bin ich es selbst, die sich diese Hölle erschaffen hat?

~~~

„Hier. Behalten Sie den Rest.“ Ich drücke dem Taxfahrer dreißig Euro in die Hand und verschwinde aus dem Wagen. Bevor die Tür durch meinen Schwung schließt, kann ich noch ein „Danke“ von dem Mann hören, der sofort Gas gibt und im dichten Verkehr verschwindet.
Ich sehe mich um und starre dann auf das Haus vor mir. Das Haus, in dem meine Wohnung liegt. Doch zum ersten Mal bin ich nicht glücklich, wieder hier zu sein. Wieder zu Hause. Die letzten zwei Tage haben in mir etwas verändert.
Langsam gehe ich auf die Tür zu und hole dabei meine Schlüsselbund aus der Hostentasche, suche nach dem richtigen Schlüssel und stecke ihn dann ins Schloss. Ich öffne die Tür, gehe durch den weiten Flur das Altbaus. Sehe automatisch nach rechts zu den Briefkästen. Doch für mich scheint nichts angekommen zu sein. Vorsichtig steige ich die breite Treppe hinauf, suche den nächsten Schlüssel und lasse die letzten Tage an mir vorbei ziehen.

Je höher ich die Treppen hinauf steige, um so schwerer werden meine Beine. Wollen mich nicht länger den Weg nach oben beschreiten lassen. Drei Stufen noch, dann stehe ich vor meiner Tür. Doch ich kann nicht weiter gehen. Bleibe wie angewurzelt auf dieser Stufe.
Starre auf die Schuhe, die vor meiner Haustür stehen. Langsam spüre ich, wie sich mein Brustkorb verengt. Mein Herz schlägt immer schneller und ich höre, wie das Blut durch meine Adern rauscht.
Ich atme ein, um diesen Druck von meinem Brust zu bekommen. Doch es hört sich mehr an, wie ein Schnaufen. Und ein wenige beginnt mein Blickfeld, sich zu verengen. An den Seiten wird es dunkler und ich sehe nur noch diese Schuhe.

Die Schuhe mit den glitzernden Rüschen am oberen Rand, den blinkenden LEDs in der Sohle, die bei jeder Bewegung beginnen zu leuchten. Ich sehe sie regelrecht vor mir, wie sie die Arme ausstreckt und in ihren Schuhen tanzt.
Sich dreht und dreht und dreht. Bis Lisa lachend stehen bleibt, die Arme noch immer von sich gestreckt und das Gesicht dem Himmel zugewandt.
„Mama?“ Ihre Stimme ist ernst geworden. „Glaubst Du, dass mein Papa auf uns aufpasst von da oben?“
Genau wie vor einem Jahr, habe ich auch jetzt wieder dieses Kneifen in meinem Magen. Das Kneifen, dass immer das einsetzt, wenn ich meine Tochter belüge. Besonders, was ihren Vater betrifft.
Das Bild, wie Lisa vor mir steht macht langsam wieder Platz für das Treppenhaus, in dem ich noch immer stehe. Mich keinen Zentimeter weiter bewegt habe. Aus Angst, ihr sagen zu müssen, dass ich das Wochenende mit ihrem Vater verbracht habe.

Eine Hand auf meiner Schulter lässt mich erschrecken und ich drehe mich zu der Person, die wie aus dem Nichts neben mir aufgetaucht ist. Ich spüre, wie meine Augen immer größer werden.
„Was machst Du hier?“ Meine Stimme ist leise, unsicher.
„Roy hat mich angerufen.“ Mir entweicht ein genervtes Schnaufen und ich spüre, wie ich meine Augen verdrehe. „Er macht sich Sorgen, weil Du ohne ein Wort verschwunden bist.“
Aus meinem genervten Schnauben wird ein ungläubiges Auflachen. „Ich bin nicht ohne ein Wort verschwunden.“ Meine Stimme ist gefasst. Und kalt. „Ich habe schon noch gefragt, ob es wirklich sein Ernst ist, mich in sein Bett zu zerren, wenn seine Frau und die Kinder faktisch nebenan schlafen.“
Frank schließt die Augen, stößt ruckartig Luft durch seine Nase aus und lässt den Kopf etwas nach vorne fallen, bevor er seine Schläfen massiert.
Bestimmt eine Minuten stehen wir so da, bevor Roys Bruder mir wieder in die Augen sieht. Ein Blick, der mir beweist, dass ich nicht die Einzige bin, die das Verhalten von Roy nicht verstehen kann.

Frank atmet wieder tief ein. „Wollen wir ‚rein gehen?“, fragt er leise.
„Und was soll ich ihnen sagen?“ Ich bin tatsächlich ratlos.
Dass ich ein Kind alleine groß ziehe, hat sie sich nie für mich gewünscht. Schließlich wusste sie, was damit auf mich zu kommt. Doch ändern kann ich es jetzt nicht mehr. Und Lisa? Ich will sie nicht weiter belügen. Doch was wird passieren, wenn sie die Wahrheit erfährt?
Frank zuckt lässt mit einer Schulter. „Wie wäre es zur Abwechslung mit der Wahrheit?“
Als ob ich das so einfach kann. Nach all den Jahren. Mein Blick wandert wieder zu den Schuhen, die vor meiner Tür stehen.
Und dann fasse ich einen Entschluss. „Okay.“

E – N – D – E

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