Beim Kreativitätsmittwoch werden wir Autor:innen vor die Aufgabe gestellt einen möglichst lebendigen Text zu schreiben. Diese Woche ist er mir ein bisschen lang geraten. Aber ich finde ihn ziemlich gelungen. Was meint ihr?

Ich greife nach meiner Handtasche und haste hinaus. Mit Schwung lasse ich die Bürotür ins Schloss fallen und eile den Flur hinunter. Vorbei an den gläsernen Türen der Kollegen.
Als Britta aus der Tür des Chefs kommt, mache ich einen Schlenker, um sie nicht über den Haufen zu rennen.
Ich bemerke aus dem Augenwinkel zwar, dass sie sich erschreckt. Aber ich habe keine Zeit mich bei ihr zu entschuldigen. Warum auch? Sie war ja diejenige, die mir diesen blöden Termin verschafft hat.
Statt ihn wie immer einem der Männer zu geben, hat sie diesen arroganten Schnösel Marius von Westphal aufgehalst.
Allein wenn ich diesen Namen schon in meinem Posteingang sehe, stellen sich mir die Nackenhaare auf und die Temperatur um mich herum sinkt um mindestens zehn Grad. Im Sommer wäre das sicher praktisch. Aber nicht jetzt im Herbst, wenn die Temperaturen dem Nullpunkt immer näher rücken.
Als ich durch den Ausgang trete, sehe ich noch, wie die Türen den Fahrstuhls gerade zugleiten. Für einen kurzen Augenblick bin ich gewillt, den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Doch bevor ich mich in den Acht-Zentimeter-Stilettos in Bewegung setzen kann, schaltet sich meine rationale Gehirnhälfte ein und entscheidet sich gegen dieses ungleiche Duell.
Ich schlendere die sechs Meter bis zum Fahrstuhl und drücke dann auf den Rufknopf, lehne mich mit dem Rücken an die Wand, die in einem exakten rechten Winkel nur wenige Zentimeter daneben anschließt. Und warte.
Soll der Typ doch auch warten. Die ständigen Änderungen, die ich in den letzten – ich muss kurz nachdenken – neun Wochen immer wieder per Mail bekam und teilweise alle physischen Gesetze missachtet haben, waren schon Strafe genug für mich.
Dass der Kerl es auch noch gewagt hat, mich heute anzurufen, um einen persönlichen Termin auf dem Grundstück einfordert, das er bebauen will war nicht einmal das Schlimmste. Aber nicht nur, dass er weder die Wort Bitte und Danke kennt, hat er mich auch noch einem Ton angefahren, dass mir jede Erwiderung im Hals stecken blieb.
Mit einem geräuschvollen ‚Ding‘ öffnet sich der Fahrstuhl und ich stoße mich von der Wand ab.
Doch bevor ich eintreten kann, werde ich abrupt in die Schulter gestoßen. Ich spüre, wie ich mein Gleichgewicht verliere und zur Seite falle. Meine Handtasche und der Zeichenkoffer rutschen von meiner Schulter und ich strecke die Arme aus, um einen Aufprall abfedern zu können. Doch plötzlich schlingen sich starke Arme um mich und mein Körper hat keine Chance mehr, der Schwerkraft zu gehorchen.
„Oh, mein Gott! Das tut mir leid. Ich habe Sie gar nicht gesehen!“ Die dunkle Stimme hinter mir klingt aufgebracht. Als hätte ihr Eigentümer wirklich nicht damit gerechnet, dass hier oben im sechszehnten Stock jemand in den Fahrstuhl einsteigen wollte.
Doch darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, denn ich habe in nicht einmal zwanzig Minuten einen Termin mit einem Ekelpaket. Also richte ich mich auf und schiebe die großen Hände, die meine Taille umfassen von mir.
„Ist ja nichts passiert“, sage ich und meine doch etwas ganz anderes.
Doch ich lächle tapfer und drehe mich um. Und verschlucke mich beinahe.
Ich spüre, wie meine Augen größer werden, denn vor mir steht dieses Ekelpaket, das mich gerade zu sich beordert hat. Und was mach er? Sieht mich abschätzig von oben bis unten an, bleibt dabei auffällig lange an meinem Busen hängen und grinst dann süffisant.
„Okay“, säuselt er. „Können Sie mir sagen, wo ich dieses Architektenbüro finde?
Ich ziehe meine linke Augenbraue nach oben und verschränke meine Arme vor der Brust. Dann richte ich mich zu meinen voll ein Meter und achtundfünfzig auf.
„Warum wollen Sie denn da hin?“
Sein Blick zeigt zwar kurz Irritation, doch eine Antwort bekomme ich trotzdem. „Ich suche diesen einen Architekten. Diesen René Schulze. Der muss jetzt unbedingt mit zu der Baustelle kommen.
Jetzt bin ich es, die irritiert ist. Nicht nur, weil ich ja schon auf dem Weg zu eben dieser Baustelle war.
„Also diese Renée Schulz …“ Ich betone meinen Namen extra deutlich. „… steht gerade vor ihnen und war bereits auf dem Weg, weil sie ja vor…“ Ich sehe auf meine Uhr. „… zehn Minuten hier angerufen und das so gefordert haben.“
Für einen kleinen Augenblick kann ich erkennen, das sich in seinem Gehirn wohl ein paar Zahnrädchen drehen. Und als die Erkenntnis einsetzt, dass ich KEIN Mann bin, sind es die seine Augen die groß werden.

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